Sprechen?

{ February 14th, 2010 }

Du! Du! Du! Stöhnt Aileen, meine Freundin und Nachbarin in Personalunion, und simuliert dabei Liegestütze im Zeitraffer. Du! setzt sie nach und bricht in einen Lachkrampf aus. Ich auch, und das ist eventuell sogar sicher sehr gemein. Denn sie schildert mir nämlich in method acting vom Feinsten die Worte ihres Lovers während er mit und vor allem in ihr beschäftigt war.

„Nach dem fünften Du war bei mir die Luft raus, ich war bis dahin wirklich total geil auf den Typen, aber dann ging nix mehr, ich hab einfach nur gelacht.“ Und er? „War beleidigt und sein bestes Stück ein Nusskipferl. – Wieso,“ seufzt Aileen, „müssen Männer im Bett immer so einen Blödsinn reden? Oder stumm wie ein Fisch sein?“

Hm. Sind sie das? Sind sie stumm? Und wenn sie nicht stumm sind, reden sie tatsächlich Blödsinn? Wenn ich meine Lover-Liste durchgehe, die so lang ist, dass ich einen Würstelstand damit einwickeln könnte, stelle ich fest: also stumm waren die ganz und gar nicht. Da waren mal ein Haufen Aaahs, Jaaa’s, ja biiiiiittte’s und was halt so an Lauten daherkommt, wenn man intensiv miteinander beschäftigt ist. Das lasse ich mal gar nicht als stumm gelten.

Klar, Blödsinn war auch dabei: ‚Du geile Schlampe – tschuldige! Tut mir leid! Ich wollte dich nicht verletzen, wollen wir drüber reden?’ Oder: ‚Hast du Feuer, Baby?’ und ich: Clint? Du hier?, aber ganze Sätze, Liebesschwüre, brillante Monologe? Nö. „Ja, was sollen sie denn deiner Meinung nach von sich geben?“ frage ich Aileen, „Shakespeare-Sonette, we few, we happy few?“ „Ach komm schon,“ grinst sie verschlagen und rammt mir den Ellbogen in die dritte Rippe von rechts, „sag mir nicht, dass du dir das nicht auch wünschst, so romantisches Geflöte wie im Film: dein Schatzi, der dir eine Haarsträhne aus deinem vor Erregung zart geröteten Gesicht schiebt, dir tief in die Augen schaut und ohne sich zu schämen sagt: Ich liebe dich. Du bist die Frau meines Lebens, ich liebe das Grübchen auf deiner Wange, dein kleines Bäuchlein…ja, ok, das wär’ halt in meinem Fall, aber sag ehrlich, würdest du dich nicht einfach toll fühlen?“

Jaja, klar würde ich mich toll fühlen. Aber es gibt viele Wege sich toll zu fühlen. Ich fahre zum Beispiel immer zu IKEA, da sagen sie Du zu mir, obwohl ich über 35 bin. Aber druckreife Liebesschwüre im Bett, wenn man auch sonst nicht hin und wieder ein „ich liebe dich“ über die Lippen bringt? Und überhaupt: sind wir selber so gesprächig und eloquent, wenn sein Haarschopf gerade zwischen unseren Schenkeln verschwindet? Sowas wie: ich liebe deinen süßen Hintern, den zarten Flaum auf deinen Unterarmen und wasweißichwas man am anderen gerne mag? Sagen wir das? Im echten Leben, da wo’s keine Drehbuchschreiber gibt, da stöhnen wir einfach nur aufs allerfeinste herum, und was soll daran schlecht sein? Das turnt nämlich an. Und korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber darum geht’s doch, oder?

Und solange man sich traut, dem anderen wirklich in die Augen zu schauen, wenn das big O daherkommt, was muss man da eigentlich noch großartig sagen? Vielleicht ein ja, mir sehr vielen „a’s“ dran. Aber in der sprachlichen Kürze liegt eben doch manchmal die Würze.

Dieser Text erschien in der monatlichen Kolumne von Petra Hauk in dem Magazin Wienerin.

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