Der nackte Affe

{ February 11th, 2010 }

Mittlerweile bin ich in einem Alter, in dem ich die Gebrauchsanweisung eines Haarfärbemittels nicht mehr lesen muss, um zu wissen wie es funktioniert. So jemand darf sich doch mit Fug und Recht für abgebrüht, erfahren und schockresistent halten – oder was sagen Sie? Tja, Hybris, Hybris! Neulich sitze ich mit meinem Bruder in der U-Bahn und ziehe über einen ganz-Körper-eingeölten Bodybuilder mit Louis Vuitton Einkaufswägelchen (in dem er vermutlich das restliche Testosteron versteckt hat) her…und schließe mit den Worten: „…und rasierte Eier hat der vermutlich auch, prust!“ Da schaut mein Brüderlein ganz erschreckt und schuldbewusst, und ob der blitzartigen Erkenntnis klappen meine Kiefer so weit auseinander wie die der Königskobra: „…auch du mein Sohn Brutus??“ flüstere ich heiser. Er zuckt mit den Achseln: „Das ist doch normal heute, das macht doch jeder.“ Mein Bruder. Mein eigen Fleisch und Blut. Läuft abgeschmackten Intim-Trends hinterher!

„Is’ eh super,“ sage ich, weil er so traurig schaut. Er ist traurig, und ich komme mir  blöd vor. Sitze in der U-Bahn und diskutiere mit meinem Bruder (!) über Haare am Sack (!). Auch wurscht, es gibt absurdere Situationen (wenn auch nur in Kaurismäki-Filmen). Jetzt reden wir Tacheles: wie er sie wegmacht und warum es mit der Intimrasur dasselbe ist wie mit der roten Pille bei Matrix: wenn man einmal damit angefangen hat gibt’s kein Zurück mehr. „Ein Tag nicht rasieren und alles fängt höllisch zu jucken an,“ seufzt er. „Und wildes Kratzen im Schritt mitten in der Vorstandssitzung könnte man ja missverstehen,“ sage ich verständnisvoll. Mein Bruder nickt bedeutungsschwer. Der Arme.

Ob die Jungs in meinem Freundeskreis auch so arm sind? Meinem besten Freund Carlos kann ich frei von der Leber weg die haarige Gretchenfrage stellen. Und rufe ihn natürlich gleich an. Ob er auch unten ohne durchs Leben geht, will ich wissen. „Naturellement!“ flötet er ins Handy und schildert mir seine gesammelten Sack-Enthaarungsversuche so ausführlich, dass ich Brandblasen an der Ohrmuschel habe. „Und ich fühle mich super!“ versichert er. Gibt aber zu, dass seine Idee, die lästigen Härchen mittels Epiliergerät umzubringen, nicht ganz zu Ende gedacht war. Den einzigen, den er dabei fast umgebracht hat, war er selbst. Als Carlos nämlich aus seiner Ohnmacht erwacht war, musste er das festgefressene Gerät von seinen Kronjuwelen entfernen. Die Schmerzen wünscht er seinem schlimmsten Feind nicht, meint er und fügt hinzu: „Schreib das ruhig, andere Männer sollen auch was lernen!“ Gern, sage ich, obwohl ich glaube, dass niemand außer Carlos auf die Idee kommt, ein Epiliergerät auch nur in die Nähe seiner Nüsse zu lassen. Und was bringts? „Blöde Frage,“ sagt er. „und überhaupt hab ich nirgendwo am Körper Haare.“ Holla die Waldfee! Keine Achsel-, Bein-, Brust- und Armhaare? Keine. Jeder wie er mag.

Aber ich liebe die Haare auf den Armen meines Liebsten, sie sind hell und fein und weich wie ein Flaum. Es fühlt sich einfach gut an, wenn ich darüber streiche. Ganz im Gegensatz zu der Vorstellung, dass mein Schatzi so aalglatt wäre, dass er mir unter der Hand wegflutscht. Oder im Bad länger braucht als ich. Oder mehr Bic-Rasierer verwendet als ich. Ehrlich. Ganz verstehe ich die Haar-entfern-Wut der Männer nicht. Aber vielleicht bin ich einfach zu jung dafür.

Dieser Text erschien in der monatlichen Kolumne von Petra Hauk in dem Magazin Wienerin.

Post to Twitter

Kategorie: Allgemeines ~ ~ Trackback

Kommentar schreiben