Toiletten und Gummibärchen
{ February 2nd, 2010 }
Ein Kaffeehausklo ist ja nicht so ein spannender Ort. Außer, man kommt rein und hört eine Männerstimme sagen: „Leg das Bein da drüber, dann geht’s leichter.“ Und gleich drauf eine Frauenstimme, die angeschickert kichert und „Geht’s jetzt?“ fragt. Und kaum erhole ich mich von dem Schreck – na bitte, es ist fünf Uhr Nachmittag! -, pemmpert ihr Knie schon gegen die Tür bumm-bumm-tschack, wie bei we will rock you.
Vielleicht ist es auch sein Knie, ich kann ja nicht reinschauen. Fest steht: da treiben’s zwei. Na super. Und ich muss nach zwei Kaffee latte wirklich dringend. Wie lange dauert denn so ein dämlicher Quickie? Und was mach ich, wenn die rauskommen? Ist ja megapeinlich. Jaja, ich weiß schon – eh für die zwei. Aber ich schäme mich halt immer stellvertretend für die ganze Welt und deshalb geh ich lieber auf’s Männerklo. Im Stehen pinkeln üben.
Meine Freundin Mira, die am Tisch auf mich wartet, ist wenig beeindruckt von meiner hysterischen Schilderung der Lage am Damen-Klo. Sie schwenkt ihr Sacherwürstel in der Luft herum und seufzt: „Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst. Als hätten wir es nicht alle irgendwann einmal auf irgendeinem Klo getrieben. Gib’s zu, du bist ja nur neidisch.“ Das Wörtchen ‚irgendwann’ stört mich jetzt grad gewaltig. Und, ok, ich geb’s zu. Ich beneide die zwei am Klo um ihre unbändigen Lustgefühle, den unglaublichen Hunger auf einander. Ich würde das auch so gern wieder mal spüren. Unterwegs sein mit dem Liebsten, beim Hofer vor den Spiralnudeln stehen und heiser flüstern: los jetzt, besorg’s mir vor den Gummibärchen. Aber nach acht Jahren Ehe versteht er womöglich bloß: besorg mir Gummibärchen, und fragt dann: hä, seit wann isst du Gummizeugs? Ich luge in Richtung WC. Die sind immer noch drin. Unfassbar! Meine Spiegelneuronen fühlen sich ziemlich schlecht.
„Glaub mir, ein Quickie wird überbewertet“, sagt Mira, „denk doch an meine Geschichte mit Axel – hej, genauso hat er ausgesehen!“, jauchzt sie und deutet hinter mich auf ein Plakat. Kreisch, wie Nosferatu? „Nein, daneben!“ Ach so. Sie war mit Che Guevara in der Kiste. Jaja, die Axel-Geschichte. Ich erinnere mich. Der zehn Jahre jüngere Typ, der Mira abschleppt und nachher fragt: sind wir jetzt zusammen? „…und dann zieht er sich aus und ist voll-kom-men haarlos, nicht ein Härchen an seinem Körper! Igitt! Mir ist alles runtergefallen – und das meine ich wörtlich.“ erinnert sich Mira und erzählt das ganze Quickie-Desaster noch mal haarklein. Wir lachen ein paar Runden und kriegen überhaupt nicht mit, wann das Pärchen raus kommt.
Auf dem Heimweg denke ich an die wilde Anfangszeit mit meinem Liebsten. Ja, ein Pub-Klo war tatsächlich mal dabei. War eigentlich ziemlich unbequem. Aber wir konnten die Finger einfach nicht voneinander lassen, sind ständig auf- und ineinander gesessen. Ein bisschen bin ich schon traurig, dass das vorbei ist. Da sehe ich einen Auto-Aufkleber: „Suche Freund, biete Mann“. Ich muss lächeln. Quatsch. Ganz bestimmt nicht. Denn am Abend haben mein Liebster und ich ganz langsamen, entspannten Sex, mit nachher Löffelchen einschlafen und seinen Atem im Nacken, der immer kitzelt. Ich denke mir: was bin für eine blöde Nuss. Das war so schön grade, mir geht gar nichts ab und alles hat eben seine Zeit. Die wilde Leidenschaft und das langsame Hineinspüren, und das eine ist um nichts toller als das andere.
Dieser Text erschien in der monatlichen Kolumne von Petra Hauk in dem Magazin Wienerin.
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