Der etwas andere Liebesurlaub

{ October 16th, 2009 }

Ich muss ziemlich bemitleidenswert ausschauen: ungeschminkt, im gestreiften Tchibo-Pyjama auf dem Tripp-Trapp-Sessel, den Blick starr auf den Blutdruckmesser am Handgelenk. Was soll ich sagen. Das ist ein Tick von mir. Naja, ich hab sooft Ohrensausen und dann glaub ich immer, ich kratze gleich ab. Piep-piep. 90 zu 60. Na toll. Und das nach zweineinhalb Liegestütz. Vielleicht setzt sich mein Liebster deshalb zu mir, schaut mich lange prüfend an und sagt: „Was hältst du davon, wenn wir vier Tage Urlaub machen. Nur wir zwei, nächste Woche. Donnerstag bis Sonntag. Du wolltest mir eh schon immer dieses Dings-dorf in Italien zeigen, wo du früher sooft warst.“

Ohne die Kids? Nur wir zwei? Was ich davon halte? Sie dürfen raten. Aber erst, wenn Sie wissen, dass mein Liebster und ich seit fünf Jahren nicht mehr alleine weg waren. Auf die Frage warum, sage ich nur: die Zeit-Geld-Babysitter-Achse. Ist dasselbe wie Heilig Abend und Schnee, das klappt auch nie gleichzeitig. Bevor der Blutdruckmesser noch in seiner Box ist, habe ich schon einen kompletten Plan, was ich einpacke (vier Pantys, Erwachsenenspielzeug, eine Sonnenbrille), was wir dort unternehmen werden (nichts! Ha!) und fantasiere von Knutschen am Strand, alternierend Outdoor- und Indoor-Sex und Gnocchi a la Nonna. Vier lange Tage werden wir nichts anders sein als ein Paar, nicht Chauffeur, Ernährungsberaterin, Stylistin oder Lego-Techniker; bloß er und ich. „Freust du dich?“, fragt er. Nein, ich freu mich nicht. Ich flippe aus!

Als wir dort sind, bin ich zuerst mal richtig melancholisch. ‚Oh Mann’, denke ich, ‚hier hat sich aber viel verändert’ und ‚Mist, ich werde alt’. „Aber nein, Schatzi, du bist nicht alt!“ sagt der Liebste und knabbert an meinem Ohr. Was? Denke ich jetzt schon laut? Ich bin alt. Und ich will jetzt nicht herummachen, sondern durch den menschenleeren Ort laufen und historisch wertvolle Plätze abklappern: hier, erkläre ich meinem Hasilein, war anno Schnee die legendäre Wasserbombenschlacht Italien-Österreich, dort hab ich mit Mario in den Dünen geknutscht – hihi, sandige Angelegenheit – und in dieser Strandbar den Eis-ess-Weltrekord eingestellt, – ja, mir war schön schlecht. Und vor der Hendlbraterei bin ich leider nicht von Massimo geküsst worden, und vor dem Spielsalon auch nicht, aber auf dem Fitness-Pfad fast. Hach.

Ich dümple in Erinnerungen und merke nicht wie der Liebste immer ruhiger wird. Am Abend sitzt er auf der Terrasse, bläst Rauchkringel in die laue Nacht und macht so gar keine Anstalten, mich leicht bekleidet durch den Bungalow zu jagen. Und das ist… ok. Ich will jetzt auch grad nicht wollen müssen. Weil ich jetzt erst merke, wie erschöpft ich eigentlich bin, von den Erinnerungen, meinem täglichen Hamsterrad und den riesigen Erwartungen, die ich in den Urlaub mitgeschleppt habe. Zu Hause hab ich mir gedacht, ich hänge den Alltag einfach an den Haken des Bungalow-Zimmers – und tataaa, ab geht die Post. Und nicht damit gerechnet, dass das Zeug an mir klebt wie eine schlechte Gewohnheit.

Vielleicht muss man Entspannung und eine plötzlich kinderlose Zeit mit dem Liebsten üben, wie man eine Fremdsprache übt: mit vielen Wiederholungen. „Genau“, sagt der Liebste, und killt die letzte Gelse des Herbstes, „in ein paar Wochen fahren wir einfach wieder alleine weg.“ Und dann mit leichterem Gepäck.

Dieser Text erschien in der monatlichen Kolumne von Petra Hauk in dem Magazin Wienerin.

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