Tibetanisches Wanderpuff
{ February 15th, 2009 }
„Schatzi“, sagt mein Liebster, „du riechst wie ein tibetanisches Wanderpuff!“ Meine formschönen Ohren haben sich wohl verhört. Woher weiß mein Liebster, wie es in einem tibetanischen Wanderpuff riecht, wo er noch nie in Tibet war? Er schlägt die Bettdecke zurück und erklärt: „Sei mir nicht böse, aber du stinkst.“ Ich bin aber böse. Ich bin eine Vanillestaude und böse. Wie ging noch mal die Adresse für Scheidung per Mausclick? Er schnuppert meinen Duftwölkchen hinterher und niest zweimal. „Sorry“, schüttelt er den Kopf, „dein Parfüm ist nicht zum Aushalten.“ Keine Scheidung. Ich würde gleich die 5-Punkte-Akupressur-Herzexplosionstechnik bei ihm ausprobieren. Schließlich hatte ich die Szene bei Kill Bill, in der Uma ihren Lover so smart zur Strecke bringt, im Standbild genau studiert. „Schau nicht so grantig, Zimtkeksi, ich krieg ja Angst, und wenn du mich anspringst“, kichert er, „setzt es die 5-Punkte-Akupressur-Herzexplosionstechnik.“ Mist. Wir hatten das Standbild gemeinsam weitergedrückt.
Dabei hatte der Abend so romantisch begonnen. Drei Kinder waren für ein paar Stunden auf die Großeltern verteilt, das vierte war alt genug um verstoßen zu werden. Essen vom Feinsten, neues Kleid vom Outlet-Center in Parndorf, eine Flasche Chateau-Düdeldi-Quatre-Blabla, dazu Latin Jazz und: mein neues Parfüm, tataa. Ich war so richtig in Schmusestimmung. Weil der Duft einfach rrrrassig, sinnnlich und schwerrrr war, und überhaupt alles mit ganz vielen Buchstaben drin, die man über die Zunge rollen kann. Endlich fühlte ich mich einmal nicht zu klein, zu dick und inkompetent, sondern wie die Liebesgöttin schlechthin. Steh nicht an der Tür, komm doch rein… ich war zu allem bereit – bis zu dem Moment, als mein Liebster sich intensiv mit meiner Armbeuge und angrenzenden Körperregionen zu beschäftigen begann und mir erklärte, dass ich nicht gut roch. Jetzt beginnt er auch noch Grimassen zu schneiden!
Ob das Parfüm die Hirnrinde aufweicht? „Du hast so schmieriges Zeug auf deinem Göttinnenkörper.“ erklärte er und gurgelte mit dem letzten Rotwein. Göttinnenkörper. Netter Versuch. Natürlich hatte ich mich mit der passenden Körpercreme gesalbt. Im Doppelpack war das Zeug doch billiger.
„Weißt du, ich mag eigentlich am liebsten, wenn du nach DIR riechst, ganz pur“, sagt er und sieht mich an wie ein Seehundbaby seinen Greenpeace-Retter. Ts! Ich hab schon jahrelang nicht mehr nach mir gerochen. Das letzte Mal bei meiner Mathe-Matura und so wollte ich ganz sicher nicht mehr riechen. Selber schuld, wenn man glaubt, was in der Zeitung steht: dass Männer ganz wild auf diese vanilligen, zimtigen Pheromonbomben sind und zu willenlosen Lustsklaven werden. LÜGE.
Na gut, geh ich eben duschen. Na schlecht, es geht nicht ganz weg. Mit Orgien ist Essig. Aber vielleicht bisschen rummachen? Oder kuscheln? Null, nada, nichts, rien, nisi, nothing. Der dämliche Duft hat alles hin gemacht. Bitte! Irgendein Körperkontakt! Bleibt noch Fußmassage. „…aber ich zuerst!“ rufen wir gleichzeitig. Gut. Das ist ein Fall für Schere, Stein, Papier. Aber wir können uns nicht einigen. Ob Papier Stein einwickelt oder Stein Papier hält. Zum Glück kommen die Kinder grad nach Hause. Die können wir fragen. Nachdem wir geklärt haben, dass das Christkind im Mai noch nicht kommt. Denn Zimt und Vanillegeruch sind einfach keine Garantie, dass irgendwer kommt.
Dieser Text erschien in der monatlichen Kolumne von Petra Hauk in dem Magazin Wienerin.
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