Der Zauber von Supermärkten

{ June 22nd, 2007 }

Ab einem gewissen Alter verlieren Supermärkte ihren Zauber, irgendwann ist einkaufen nicht mehr das, was es einmal war. Wo sind sie hin, die Zeiten als man sich beim Erwerb einer Leberkässemmel, einem Mars und Latella Mango wie Kolumbus gefühlt hat? Als der Aufdruck AMA-Gütesiegel, Bio und kalorienreduziert keinen Wiedererkennungswert im Sprachschatz hatten? Oh schönes, buntes Konsumvergnügen – vorbei, futsch, perdü. Bei Latella krieg man mittlerweile Magendrücken und Mars macht nur mehr die Waage mobil. Zu Leberkäse fällt einem vernünftigen Menschen sowieso nichts ein. Das ist traurig.

So schlendert man melancholisch durch die Gänge, fühlt sich wie in einem Kästner-Gedicht, festgeklammert an einen Einkaufswagen, bei dem immer das rechte vordere Rad klemmt und das Quietschen flüstert: die Gänge sind wie Korridore, in denen Türen offenstehen… (Außer Freitag Nachmittag vor einem langen Wochenende, versteht sich).

Und der Wagen zerrt wie ein schlecht erzogener Pitbull immer nach rechts, dabei möchte ich so gern nach links, in die Süßwarenabteilung, nur mal kurz schauen, was die Fieslinge von Lindt wieder Neues auf dem Markt geworfen haben, weil das tun sie mit der Geschwindigkeit eine Ballmaschine in Wimbledon, und tatsächlich – Ha! – ich werde fast ohnmächtig – Da! – schon wieder eine neue lockende Verpackung in Zartgrün, die man sicher mitessen kann, eine special edition und nur-kurze-Zeit-zu-haben Pralinen, die so glücklich machen, dass man das Serotonin in Flaschen abfüllen und verkaufen könnte.
Kann etwas, das in Pastellfarben eingewickelt ist, überhaupt Kalorien haben? Was? Nein. Oder? Wär ja total gemein, wenn’s nicht so wär – also her mit den kleinen Café au lait-Pralinchen! Aber genau in diesem magischen Moment stellt sich eine Wasserstoffblonde, die ihre 100 Kilogramm mit einem Jeansmini zusammenhält, neben einen und man nimmt automatisch zu. Danke. Xanadu versinkt. Wart’ ich eben hundert Jahre.
Also Überraschungseier für die Kinder. OH GOTT. Schockschwerenot! Die Überraschungseier sind aus. Das Schicksal meint es aber heute ganz schlecht mit mir und ich beginne mich jetzt schon vor dem Nachhausekommen zu fürchten. Gedankenschwer quietsche ich um die Ecke, nach rechts, natürlich, der blöde Wagen will’s ja nicht anders, zur Bioabteilung. Reiswaffeln. So wie Weiß das neue Schwarz und Vierzig die neuen Dreißig sind Reiswaffeln die neue Lindtschokolade. Gleich zwei Packungen, heute lass ich die Sau raus.

Pfff. Was jetzt? Was sagt meine Liste? Die ist ja immer klüger: Zünder, Zahnstocher, Gummiringerl, Pattafix. Das finde ich nie. Nicht auf Anhieb, so wie die Lindt-Schweinereien, Bic-Rasierer oder Prosecco. Wie bei einer Rätselrallye sprinten mein widerspenstiger Wagen und ich durch die Gänge, umrunden Menschen in indiskutablen Outfits und viel Zeit, tauchen durch bestialische Geruchswolken, die wie ein Echo aus mittelalterlichen Kanälen heraufwabbern und landen stets vor dem Tchibo-Ständer. Fein. Ich werde den Verdacht nicht los, dass ich eine Romanfigur von Douglas Adams bin. Vielleicht der große, grüne Argl-Anfall? Angesichts der Tchibo-Serviettenringe, Tchibo-Funktionsunterwäsche und Tchibo-Infrarotlampen ist das ziemlich wahrscheinlich. Und überhaupt: wieso stellen die keine Zünder, Zahnstocher, Gummiringerl und Pattafix her? Das würde mir das Leben erleichtern. Eine Mittvierzigerin greift nach dem Youghurt-Selbermach-Bereiter-Dings. Ich lächle nachsichtig. Jeder muss mal durch diese Phase seines Lebens.

Warum bin ich eigentlich da? Ah ja, langweilige Lebensmittel kaufen. Mein Blick wandert die Regalreihen entlang: kenn ich schon, schmeckt mir nicht, hätt’ ich gern, darf ich nicht. Und natürlich – natürlich! – fällt mir immer noch nicht ein, was ich heute, morgen und den Rest meiner Tage kochen könnte. Oder sollte. Ich könnte natürlich wieder Tiefkühlpizza und Pommes machen. Anständig ist das nicht. Anständig wäre selbermachen. Naja, zur eisernen Hochzeit eventuell. Besser Hühnchen. Hatten wir aber gestern. Gestern? Was war gestern überhaupt für ein Tag? Was haben wir für ein Jahr? Wer bin ich? Wie heiß’ ich? Wo geh ich hin? Auf jeden Fall nicht zu den Kühlregalen, dort ist mir immer so schrecklich kalt. Fischstäbchen eventuell. Kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Spaghetti. Nicht schon wieder. Sonst kenn ich nichts mehr.

An der Wursttheke schlägt das subjektive Zeitparadoxon zu. Drei Leute stehen vor mir und kaufen für eine Woche im Bunker ein. Ich sage in Gedanken die Bürgschaft und den Monolog aus Heinrich V., den ich extra für solche Gelegenheiten gelernt habe, auf. Der Typ neben mir hat ein Nahtodeserlebnis, der hinter mir ist seinem Geruch nach zu schließen schon einen Schritt weiter. Om-Om-Om. Zwischen Kalbspariser, Spargelschinken und Baguettesalami träume ich vom Dolce vita, behandschuhten Sklaven und homöopathischen Canapés. “AUSS-A-DEM” bellt die Schneidkraft. “Ein Leben als verzogene Göre und eigener Köchin, Sie Knallkopf” – sage ich nicht, denn ich bin fertig. Juhu! Auf zur Kassa, dem Elchtest des Einkaufs.

Bloß zwei vor mir. Das ist schlecht. Denn zwei brauchen immer viermal so lange wie acht. Warum, weiß keiner, aber das ist Murphy’s Law. Die Pensionistin vor mir legt Gummringerln, Zünder, Zahnstocher und Pattafix auf das Laufband, ich hasse sie inbrünstig. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich sie nicht vorgelassen, sondern ihr ein Bein gestellt. Jetzt sucht sie auch noch mit zittrigen Fingern nach 1-Cent Münzen, um die Summe von 20 Euro zusammenzubekommen! Gleich wird ihre Geldbörse in Flammen aufgehen, denn ihre Brillengläser sind so dick wie Aschenbecher und die Sonne scheint hindurch. Zisch! – Fehlalarm. Die Kassiererin putzt das Laufband. “Nehmen Sie sich, was sie brauchen…”, sagt die Pensionistin jetzt zur kühlen Göttin des Strichcodes und hält ihr die Börse hin. Die kann die Münzen nicht nehmen, weil die Fingernägel so lang sind wie bei einer indischen Tempeltänzerin. Wie wär’s mit den zwei Zehner-Scheinen, meine Gute?

Ich bereite mich inzwischen auf meinen großen Moment vor: High Noon am Laufband. Werde ich wieder schneller mit dem Einräumen sein als die Kassiererin mit dem Nennen der Summe? Mit der Bankomatkarte zwischen den Zähnen werfe ich dem Pudellöckchen am Scanner einen abschätzigen Blick zu. Sie kennt mich schon. Sie weiß, sie hat keine Chance. Armes Ding, sogar Tränen hat sie in den Augen. Aber wahrscheinlich ist sie nur beim Naseputzen abgerutscht. Aber jetzt. Zack, zack, da fliegen die Sachen – Gott, was bin ich wieder in Form -, big city, no limits, uuund Erster! Alles verstaut. Schabadu und schabada! Kartoffeln und Prosecco liegen jetzt zwar auf den Eiern und im Joghurt steckt eine Banane, aber wer gewinnen will, darf nicht pingelig sein. Mein Freund Peter, ein wirklich schlauer Mensch, ist ein Kassa-Flüsterer, er hat mir geraten, die Kassiererin zu trainieren: seine schmeisst die Sachen bereits ins geöffnete Sackerl hinein. Aber wo bleibt da der Spaß?
Ein wirklich arrogantes Lächeln kräuselt meine Lippen. Der Mund des Pudellöckchens ist hingegen schmal wie ein Strich. “…undzwanzig Euro”, knirscht sie mit zusammengebissenen Zähnen. “Bankomaaat”, zwitschere ich zuckersüß in Siegerlaune.
Zu Hause beim Ausräumen stoße ich auf die Café au lait-Selection. Wie ist die denn da rein gekommen? Zu spät. Zum Glück.

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1 Kommentar zu “Der Zauber von Supermärkten”

  1. 1
    EVE

    Ja, ja, ja!!!! Du sprichst mir aus der Seele. Woher weißt du bloß immer wie ich mich fühle???

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