Die Wahrheit über Urlaub mit Kindern
{ June 8th, 2007 }
Newsletter-Abos haben Vor- und Nachteile. Der Vorteil: man kriegt Post, wer Post bekommt ist wichtig und kann bei Kollegen-Gesprächen am Kaffeeautomaten auf verdammt smarte Art socialisen. “Mein email-account”, jammert Kollegin Z., ich sag’s euch, der explodiert jeden Tag!”, Und meiner erst, und meiner erst, schallt es in der Runde wie beim Andachtsjodler am Vierwaldstättersee.
Begleitet von ein paar peppigen 6/8-Bewegungen im Cappuccino rollt man dekorativ mit den Augen und seufzt: “Was soll ich erst sagen Kinder, ich komm’ ja vor lauter Emailchecken gar nicht mehr zum Arbeiten.” (Und ich erst, und ich erst).
Das freilich ist eine glatte Lüge. Ich komme deshalb nicht mehr zum Arbeiten, weil ich mich so ärgere.
Und das führt mich zum Nachteil der Newsletter. Die, die mich ärgern, beginnen oft mit einer Frage. Und diese Fragen stellen schlimme Dinge mit mir an. Sie bringen meinen Säure-Basen-Haushalt durcheinander und ich will gar nicht wissen, was ich bei Vollmond alles mache. Das ist für niemanden in meiner Umgebung günstig (zumindest behauptet meine Umgebung das).
Ein Beispiel: da fragte mich neulich ein Beauty-Newsletter allen Ernstes, ob ich mich auf meinen Sommerurlaub freue.
Urlaub. Freuen. Wenn ich das Wort nur höre, geht es mir wie Robert de Niro in Awakenings - bevor er aufwachte. Es soll ja tatsächlich Leute geben, die das tun, sich auf ihren Urlaub zu freuen, ich gehöre jedenfalls nicht dazu.
Ganz im Gegenteil, schon der Gedanke an die nahende Reisezeit reizt mich bis aufs Blut. Der Wert eines Ortswechsels wird doch total überschätzt und ist im Grunde völlig antiquiert! Das verstaubte daran ist der Glaube, dass man sich im Zustand des Urlaubens entspannt. Oder Regeneriert. Oder mit der Seele baumeln kann. Ach, nennen Sie es, wie Sie wollen - und egal wie sie’s nennen, es ist falsch. Ich habe unwiderlegbare Beweise dafür.
Das fängt damit an, dass man Kinder hat. Die kann man für die Zeit des Urlaubs ja nicht irgendwo aussetzen. Könnte man. Sollte man aber nicht. Also müssen sie mit. Auf längeren Fahrten von einem Ort zum anderen wird einem dann schmerzlich bewusst, dass dieselbe Anzahl Personen auf einer Weihnachtsglückwunschkarte romantisch postmodern ist, während sie im Fond eines Wagens versammelt die Sprengkraft einer Wasserstoffbombe besitzt. Da bleibt einem nichts anderes übrig als melancholisch am Knoblauchkranz zu schnuppern, den man gegen den kindlichen Vampir-Tryptichon Sind-wir-schon-da/Ich-muss-aufs-Klo/Kann-ich-ein-Eis – WAS? – haaaben vorsorglich um den Hals geschlungen hat.
Zweiter Punkt: direkt proportional mit der Anzahl der Personen, die das Weite suchen, sucht die Weite auch das Bankkonto heim – wie ein Loch im Flugzeug reisst der Unterdruck auch die letzten verschreckten Cent für die zwei Wochen an einem anderen Ort weg. Flutsch, perdü, da geht der sauer verdiente Mammon den Bach runter.
Von der Idee, die oberste Etage im Dorchester zu buchen, muss man also ein paar Abstriche machen, nur um festzustellen, dass sich ohne schlechtes Gewissen bloß eine Fusswallfahrt nach Mariazell ausgeht.
Aber weil man kein Selbstmörder ist (zumindest kein schneller), sucht man irgendetwas dazwischen. So ein nettes Dingelchen, man sieht es direkt vor sich, wenig Leute rundherum, billig, komfortabel, - hach, frische Luft, abgelegen, ja, aber nah am Meer, profimäßig ausgestattet. Für sechs Leute. Für sechs Leute? Vergessen Sie’s.
Unterm Strich wacht man nach langer Planung, angestrengtem Tüfteln und hoffnungsvoller Suche in einem Etbalissement auf, das keinen Roomservice, aber dafür ein Minimum an elektrischen Geräten zur Selbstversorgung und unterdurchschnittlich wenig Möglichkeiten zur Umverteilung der Personen auf die Räumlichkeiten besitzt – aber leider muss man dasselbe machen wie zu Hause: kochen, waschen und für Unterhaltung sorgen.
Das zumindest gelingt mühelos gleichzeitig, wenn man nur auf zwei Mini-Flammen in einer Puppenküche kochen kann und ein bisschen Öl daneben geht. “Haha, Mama, schau mal, die Stichflamme!” Mhm. Ist fast so gut wie Youtube.
Und egal, welches Jahrhundert, immer führt David Lynch bei mir Regie und mein Liebster und ich, wir finden uns im nächsten Moment schwer beladen mit Kühltasche, Sonnenschirm und Liegestühlen bei flimmernder Hitze am Strand, eine charmante Referenz an jene Zeit der Phylogenese, als Homo sapiens aufrecht gehen lernte, aber noch zu doof dafür war.
Still reihen wir uns in all die Leute am Strand, die breitbeinig die Hände in die Hüften gestemmt und den Blick in eine unbekannte Ferne richten, um den Nachwuchs in den Piz Buin-Schwaden nicht aus dem Visier zu verlieren.
Hin und wieder löst sich eine dieser Installationen von ihrem Platz, schmeisst die Nerven weg, schreit JONAS?! DAVID?! oder LENA?!, legt S.O.S. aus Seetang in den Sand, bis das vertraute Paar oranger Schwimmflügel doch wieder den Fluten entsteigt, auf einen zukommt und sagt: “Kann ich ein Eis??” Was denn nun: haben oder sein?
Das fehlende Verb killt die letzten zwei Serotoninmoleküle, super, und in der krachvollen Strandbar denkt sich’s nicht leicht, trotzdem hetzt der originalverpackte Reiseführer, der auch so bleiben wird, durch’s Hirn und das noch nie getragene Seidenkleid mit dem lüsternen Blumenmuster und dem tiefen Ausschnitt – ein ander Mal, bestimmt.
Freilich ist es toll, dass Kinder neue Freundschaften schließen, bonding mit Straßenkötern und streunenden Katzen betreiben und den Fernseher fast gar nicht vermissen. Und die neue Kamera ist weder in den Sand gefallen noch gestohlen worden.
Das macht das Kraut auch nicht fett.
Denn wie eine Gerölllawine reissen sie die Speiseeis-, Spritzpistolen- und Wasserbombenbestände der Region mit sich und wenn die Geschäfte leergeräumt sind, werden die lieben Kleinen umgehend krank. Und wenn sie wieder gesund sind, beginnt es in Gegenden zu schneien, in denen die Einheimischen nicht einmal ein Wort dafür kennen.
Dann wär ich gern Columbos Frau.
In den fünf Minuten des Urlaubs, die den Namen verdienen, dann, wenn sich laue Nacht über Pinien senkt und ein gelber Mond am Himmel steht, die Kinder im Bett sind und der Liebste verträumt Rauchkringel in die Luft bläst, um die Gelsen zu vertreiben, in jenen fünf Minuten also, in denen man bereit wäre, viel zu vergessen, just dann sagt er: “Warum machen wir das eigentlich?” Das Universum schweigt. Wie immer, wenn einen etwas wirklich brennend interessiert.
Wieder zu Hause stellt man fest, dass der Name der selbstgewählten Auszeit eine erschreckend sinistre, ja teuflische Richtigkeit hat: man fühlt sich wie ein vertrocknetes Blatt ohne Saft und Kraft. Wie Ur-laub eben.
Kategorie: Uncategorized ~ ~ Trackback




November 10th, 2008 at 4:06 pm
Mamili?
Du bist und bleibst die beste, ehrlichste Mama =)