Cool. Oder nicht.

{ June 5th, 2007 }

Meine Kinder und ich, wir pflegen ein feines Ritual. Wenn der Abend zu gähnen beginnt, sitzen wir à la Pow-how im Kreis, hübsch Knie an Knie, und jeder erzählt, was an diesem speziellen Tag cool und was nicht cool war - eine Art Philosophicum auf der Suche nach dem Gott der kleinen Dinge.
“ICHICHICH darf anfangen!” kreischt David, als wäre er auf einen Reissnagel getreten, und das darf er auch, denn einem vierjährigen Nesthäkchen mit Sternzeichen Löwe in den wee small hours des Tages etwas abzuschlagen, heißt Abschied nehmen vom Wegdriften in pastellfarbene Gedanken-Seifenblasen und sinkendem Blutdruck, der der herannahenden Alphaphase die Steigleiter macht. Also bitte.
“Cool war heute”, sagt David mit dem Zeigefinger im rechten Nasenloch, “dass die Hania wieder meine Freundin ist. “ (Zustimmendes Gemurmel in der Runde). “Und uncool war, …”, er zieht den Finger mit schwerer Fracht beladen aus dem Nasenloch und hält ihn - ganz D’Artagnan der Septum Deviation - zu Demozwecken hoch, “dass mir der Fabian uuur-fest in den Bauch gestochen hat.” (Empörtes Gemurmel wie im House of Lords.)

Während ich noch überlege, wie wahlweise Franco Zeffirelli, Ingmar Bergmann oder die Coen-Brüder diese Szene verfilmt hätten, meint Sebastian, der seinen Lebensunterhalt eher nicht als Pressesprecher, aber eventuell Nobelpreisträger bestreiten wird: “Cool heute war, dass nichts uncool war.”
Respekt”, sagt Teresa mit Ghetto-slang und alle beginnen zu kichern, weil sie die kleine, aber feine Anspielung auf den Film “Nemo” sofort erkannt haben. Sie sind lustig, meine Kinder.
Teresa, Lena, fertig, fertig – so, und jetzt Mutter. Ich überlege. Bildungsauftrag.
Na gut, Freunde, Römer, Landsleute – sprechen wir doch über die Wunder des Lebens, die Komplexität der Schöpfung, über beeindruckende Wolkenformationen, die das Herz erfreuen oder die verletzliche Schönheit von Fauna und Flora, as to be seen in Gestalt einer Meise beim Vernichten eines Regenwurms.
Und während ich in die Rubrik “uncool” gerne noch das Verschwinden der Sumpfschildkröten, das schwere Leben der Bartgeier, die ungewisse Zukunft des wilden Austernseitlings und - besonders uncool – die Frage, warum ich letzte Woche die Marine-Wedges von Tommy Hilfiger nicht gekauft habe, weil jetzt sind sie nämlich aus, einreihen möchte, senkt sich lähmende Stille über das Zimmer.
Meise? Wolken? Bartgeier? Wedschis?
Vier fassungslose Augenpaare flackern unsicher in meine Richtung und suchen nach Untertiteln für mein offensichtlich perfektes Mandarin.
Ich erwidere den Blick wie ein Jedi-Ritter. Aber: Hallo-o! Bin ich im schalltoten Versuchslabor einer HNO-Praxis?!
Keine Reaktion.
Na gut. J’ai compris. “Cool heute war, dass ich bloß drei Einkaufssackerln hatte, statt vier”, sage ich seufzend, “und uncool, dass ich sie alleine tragen musste.” Erleichterndes Kopfnicken. Die kleinen Festplatten rebooten.
Wunder der Natur. Ts. Sind wir doch selbst.

Kategorie: Uncategorized, Kinder ~ ~ Trackback

One Response to “Cool. Oder nicht.”

  1. 1
    Crazy Mike

    Na bumsti.
    Würden Worte einen Geruch haben können, dann wäre das von dir Emittierte nahe an einer olfaktorischen Geschmacksexplosion! Abba ehrlich …

    Nicht schlecht, Schwesterl - du schreibst wirklich in einem tollen Stil - ziemlich wort- und bildreich. Manche Sätze muss man zwar zweimal lesen, um alles mitzukriegen, aber das kostet ja nicht mehr …

    Und dann diese ewigen fremdsprachigen Einwürfe - bin zwar nicht xenophob, aber - mon Dieu - red Deustch, wir san in Wean …

    Im Ernst: gefällt mir urgut!

    LvLsLh

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