Bahnhofsautomaten schützen vor Vier Pfoten
{ May 27th, 2007 }
Eltern geben uns, neben der unschätzbaren Möglichkeit den Berufsstand des Psychotherapeuten vor der Bedeutungslosigkeit zu bewahren, viele gute Ratschläge für das Leben mit: Bier auf Wein, das lasse sein; fummel nicht an Pickeln herum; bei Rot, da steh… – und nimm niemals, niemals etwas von fremden Menschen.
Während man die ersten drei Regeln irgendwo im Frontallappen abspeichert, wo sie unbenützt vor sich hindümpeln und auf einen Eintrag im Lexikon der Irrtümer warten, funktioniert die letzte als wäre man einer von Pawlow’s Laborhunden.
So und nicht anders kann ich es mir erklären, dass mich regelrechte Panik überfällt, wenn sich auf der Straße schwankende Gestalten mit Zetteln in der Hand nähern. Egal ob Greenpeace, Vier Pfoten, Rettet die Wale oder Naturfreunde e.V. auf den T-Shirts oszilliert – Zettelmenschen schauen alle so stechend wie Dracula kurz vor dem Biss, und das erhöht meine nur homöopathisch vorhandene Empathie für ihre Sache nicht besonders.
Im Geist gehe ich Riemann’s Grundformen der Angst durch. Es gibt vier und ich habe sie alle. Denn die Zettelmenschen wissen, dass ich die einzige Passantin mit einem Abgrenzungsproblem bin. Folglich kann man was? Es mit mir machen. Und weil sie durch die Bank bis in die Haarwurzeln trainiert und allesamt in der Bronx aufgewachsen sind, sprechen sie sich ab. Flüstern in ihr Headset oder die Spezial-Uhr, die auch ihr Fahrrad, das Kit heißt, steuert: “Achtung, Achtung! Charlie-Foxtrott-Bravo – knacksknacks – Petra ist on the way, sie quert gerade die Mariahilferstraße…”
Und schon katapultieren sie sich im Takt mit der Titelmusik des Weißen Hais in meine Aura. Das ist so gemein.
Und weitaus gemeiner ist die Tatsache, dass niemand der Myriaden anderer Menschen um mich herum Zettel entgegen nimmt. Sie tun es nicht, weil sie wissen, dass sie nicht müssen, wenn ich in der Nähe bin. Ich kriege alles. Danke.
Aber hat mich je einer der Zettelmenschen gefragt: “Ist das Kleid neu? Gerade beim Frisör gewesen? Gute Verdauung gehabt?” Keiner. Das tut weh. Das nährt Fluchtgedanken. Wer aber ständig mit einem Blutdruck von 180 durch die Straßen hetzt, ist zwar unglaublich schnell, aber vermutlich bald unglaublich krank.
Fast – und ich betone fast – hätte ich mich als Gast für eine inferiore Talkshow qualifiziert, wenn – und ich betone wenn – ich nicht die Macht der Bahnhofsautomaten entdeckt hätte.
Bahnhofsautomaten brüten kohlensäurehältige Softdrinks aus, die man nur auf einzige Art und Weise bekommt: stürzend. Und es muss einmal laut und deutlich gesagt werden: angewandte Physik ist sexy und das Rezept zur Abwehr der Zettelmenschen so einfach wie ein Nachtisch von Jamie Oliver: man schraubt die Flasche möglichst ansatzlos auf. Fertig.
Der Softdrink geht den Weg eines der Hauptsätze der Physik und schon teilt man die Menge der Zettelmenschen wie einst Moses das rote Meer.
Wenn Sie auf der Straße jemanden mit tropfenden, klebrigen Händen sehen, gehen Sie ruhig weiter und bieten Sie mir kein Taschentuch an.
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